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No. 1 Gefühlsregulation im Alltag

No. 1 Gefühlsregulation im Alltag

Co-Regulation in Stresssituationen: Wie wir uns und unsere Kinder im Alltag erden.

Es gibt diese Momente im Elternalltag, da steigt der Druck im System so schnell an, dass man kaum hinterherkommt. Letzte Woche war wieder so ein Morgen. Das Ziel war eigentlich simpel: Pünktlich zur Waldspielgruppe kommen. Doch mein Kind konnte nicht mitmachen. Jeder Stoff auf der Haut war zu viel, alles kratzte, zwickte und engte ein. Sie war in diesem Moment hypersensibel. Kaum hatte ich ihr etwas angezogen, riss sie es sich wieder vom Leib. Währenddessen tickte die Uhr einfach weiter. In meinem Kopf startete das übliche Programm: „Wir kommen zu spät“, „Das kann doch jetzt nicht wahr sein“, „Warum schiebt sie jetzt eine Krise!“ 

Ich spürte, wie mein eigener Stresspegel in den roten Bereich schoss. Mein Impuls war, lauter zu werden, Druck auszuüben, einfach zu "machen". Aber mein Hintergrundwissen drückte innerlich die Stopp-Taste "Beziehung vor Pünktlichkeit". Ich realisierte: Wenn ich jetzt explodiere, fliegt uns der Morgen komplett um die Ohren und es wird für uns beide zum negativen Erlebnis. Hier ist, was ich in der "Unterhosen-Krise" über Stressregulation und pragmatische Lösungen gelernt habe.

1. Den eigenen "Not-Aus" betätigen Bevor wir uns um das Kind kümmern können, müssen wir uns um uns selbst kümmern. Das ist wie im Flugzeug bei den Sauerstoffmasken – oder wie die Sicherheitsvorkehrungen bei jeder technischen Arbeit: Erst die eigene Sicherheit, dann die Rettung. Wenn mein Kind schreit und sich windet, triggert das mein eigenes Alarmzentrum im Gehirn (die Amygdala). Ich bin biologisch darauf programmiert, auf den Stress meines Kindes mit eigenem Stress zu reagieren. Zwei überhitzte Nervensysteme können sich aber gegenseitig nicht beruhigen. In jenem Moment im Flur musste ich also erst einmal innerlich anhalten.

  • Akzeptanz: Ich habe entschieden: „Okay, wir kommen 5 Minuten zu spät. Das ist kein Weltuntergang.“
  • Durchatmen: Ich musste meinen eigenen Puls herunterbringen, bevor ich mich ihr zuwenden konnte.

2. Erst erden, dann lösen Aus der Technik wissen wir: Ohne Erdung fließt kein Strom sicher ab. In der Psychologie von uns Menschen ist es ähnlich. Ein Kind in hoher emotionaler Erregung hat keine "Erdung" mehr. Argumente wie „Wir müssen aber los!“ prallen ab, weil das logische Denken in diesem Zustand blockiert ist. Wir brauchten Co-Regulation (ein bekanntes Prinzip der Bindungs- und Stressforschung). Das bedeutet vereinfacht gesagt: Ich leihe meinem Kind mein (inzwischen wieder ruhiges) Nervensystem. Wir haben uns auf den Boden gesetzt. Ich war einfach da, ohne zu drängen. Wir haben uns emotional "geerdet". Erst als sie spürte, dass mein Druck weg war und ich ruhig atmete, konnte auch ihr System herunterfahren - Kinder sind sehr empfänglich für unsere Empfindungen - sie wissen noch nicht, wie sich selbst zu beruhigen und schauen uns Eltern dies ab (Nachahmung). 

3. Pragmatismus vor Perfektion Als wir beide wieder ansprechbar waren, konnten wir das Problem sachlich betrachten. Das Hindernis war die Unterhose. Sie war der sensorische Störfaktor. in diesem Moment. Ist der Ertrag der Unterhose den Aufwand wert? 

  • Ziel: Kind entspannt in den Wald bringen.
  • Kosten: Ein Machtkampf um ein Kleidungsstück.
  • Lösung: Wir lassen die Unterhose weg.

Für manche mag das seltsam klingen. Aber: Was funktioniert und niemanden schadet, ist richtig. Wir fanden diesen Kompromiss. Es war die Lösung, die ihr half, die Hose anzuziehen, ohne sensorisch überreizt zu werden. Das ist keine lasche Erziehung, sondern das Wahrnehmen von Bedürfnissen. 

4. Mein Fazit für deinen Alltag Stresssituationen lassen sich mit Kindern nicht vermeiden. Aber wir können entscheiden, wie wir darauf reagieren.

  • Nimm den Druck raus: Wenn du merkst, dass du selbst hochfährst, drück die Pause-Taste. Atme durch. Akzeptiere die Verspätung.
  • Suche die Verbindung: Ein Kind im Stress braucht keine Belehrung, sondern Sicherheit (Co-Regulation). Geh auf Augenhöhe, biete Ruhe an.
  • Sei lösungsorientiert: Manchmal blockieren uns starre Vorstellungen („Man trägt aber Unterwäsche!“). Wenn eine unkonventionelle Lösung den Frieden rettet: Mach es. Die Beziehung zu unseren Kindern ist viel wichtiger, als Pünktlichkeit.

Ja, wir waren zu spät in der Waldspielgruppe. Aber wir kamen entspannt an. Und diese gemeinsame Erfahrung, eine Krise gemeistert zu haben, war wertvoller als Pünktlichkeit.

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